Wie ein Münzwurf

 

Heute melde ich mich mal als Ärztin zu Wort:

Natürlich lässt sich eine Verschmelzung meiner ärztlichen Tätigkeit mit der als Personal Trainerin und Ernährungsberaterin nicht vermeiden.

Gerade in der aktuellen Krise  ist mein medizinisches Know-How mehr denn je gefragt.

Und da es ja bekanntlich mehr Experten als Corona-Kranke gibt, möchte ich heute mal zu einem brandaktuellen Thema Stellung nehmen: Antikörpertests.

 

Denn Mythen und Fakten rund um das Thema Covid 19 kursieren ungebremst und ungefiltert und verwirren nicht nur mein eigenes Umfeld, sondern die ganze Welt...

 

Die Wahrheit über Antikörper-Tests: Ähnlich wie ein Münzwurf

(Achtung: Mathe!)

Wenn Zahlen täuschen: Die Hoffnung auf flächendeckende Antikörper-Tests kommt zu früh. Sichere Aussagen, ob Patienten eine

Covid-19-Erkrankung durchgemacht haben, sind damit

 

bislang nicht möglich.

Bis es eine zuverlässige Therapie oder eine Impfung gegen das neuartige Corona-Virus

geben wird, dauert es noch Monate, vielleicht Jahre.

Ausgehbeschränkungen und der tägliche Blick auf die Infektionskurven zehren unterdessen an den Nerven.

Vielleicht habe ich „es“ längst gehabt, denken viele Menschen, schliesslich war da im Februar dieser Hustenreiz und diese unerklärliche Erschöpfung.

Mehr Gewissheit über zurückliegende Infektionen könnte ein Antikörper-Test bringen.

Dieser zeigt - anders als der Test nach Rachenabstrich, der nur eine Momentaufnahme ist - ob der Körper ein Virus erfolgreich bekämpft hat.

Fällt der Test positiv aus, ist man vermutlich auf Jahre hinaus immun und muss eine Ansteckung nicht mehr befürchten.

Eine kleine Rate falsch positiver Testergebnisse führt zu massiven statistischen Verzerrungen

Doch in Sachen Sars-CoV-2 gibt es noch viele Ungewissheiten über die Qualität der Tests.

Werden zuverlässig die Antikörper entdeckt?

Weist der Test tatsächlich das neuartige Coronavirus nach und nichts anderes?

An biochemischen Details wird derzeit intensiv gearbeitet.

Das ist aber nicht das einzige Problem, wenn in Studien mit Antikörpertests untersucht wird, wie groß die Immunität Inn der Bevölkerung ist.

Infektionsexperten und Statistiker aus München, Kiel und Freiburg machen in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift für Allgemeinmedizin auf ein großes methodisches Problem der Antikörper-Tests auf Sars-CoV-2 aufmerksam.

„Warum ein guter Test nicht immer gute Ergebnisse produziert“, ist der Fachaufsatz überschrieben.

„Wenn die Häufigkeit einer Infektion in der Bevölkerung vergleichsweise gering ist, kann ein Test quer durch das Land leider nicht zuverlässig sein“, sagt Michael Kochen, der an der Universität Freiburg lehrt und an der Studie beteiligt war.

Der Grund ist einfach: Eine kleine Rate falsch positiver Ergebnisse führt zu massiven statistischen Verzerrungen. „Würden nur jene getestet, die schon Symptome hatten, fiele der Test schon genauer aus.“Es mache einen Unterschied für die Testqualität , ob es sich um ein bevölkerungsweites Screening handelt, oder um eine spezielle Gruppe, die bekanntermaßen schon erkrankt war und in der eine Infektion daher häufiger zu vermuten ist. 

Fällt ein Testergebnis positiv aus, heißt das noch nicht, dass die Person tatsächlich infiziert war. Die Problematik ist ähnlich wie in anderen Untersuchungen wie der Brustkrebs-Mammografie oder dem HIV-Test. Letztere werden aber mit weiteren diagnostischen Methoden abgesichert.

„Für einen Sars-CoV-2- Antikörpertest gibt es bislang keine Routineverfahren, um anschließend den Wert zu bestätigen oder zu widerlegen“, bemängeln die Autoren. 

Entscheidend für die Güte eines Tests sind mehrere statistische Kriterien:

Die Sensitivität bezeichnet den Anteil aller Infizierten, die mithilfe eines Tests korrekt als infiziert werden.

Ebenfalls von großer Bedeutung ist die Spezifität. Damit ist der Anteil derer gemeint, die nicht infiziert sind und durch den Test auch richtigerweise als nicht-infiziert erkannt werden. Da kein medizinischer Test perfekte Werte von 100 % Sensitivität und 100 % Spezifität liefert, fallen einige Ergebnisse immer falsch aus. Die Zahlen täuschen.

Im konkreten Fall haben die Autoren die Ergebnisse sogenannter Elisa-Tests auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 berechnet und sich auf die Firmenmitteilung führender Hersteller verlassen, wonach 100 % Sensitivität und 98,5 % Spezifität vorliegen, ohne dass dies bisher unabhängig überprüft wurde. Doch selbst wenn die optimistischen Angaben stimmen, ist die tatsächliche Fehlerquote immens.

Wären 1,3 % der Bevölkerung infiziert und damit gut 1 Mio. Menschen statt der bisher bestätigten 150.000, ist das Ergebnis äußerst unzuverlässig.

Konkret würde es bedeuten, dass nur 47 % der Personen, bei denen der Test eine durchgemachte Infektion zeigt, tatsächlich infiziert sind, 53 % aber nicht.

Letztere sind „falsch positiv“.

Von 10 positiven Tests sind also 5 korrekt und zeigen die Infektion richtig an. Die anderen 5 sind falsch. 

Man könnte genauso gut eine Münze werfen.

Bei einer niedrigen „Durchseuchung“ führt ein Antikörperscreening derzeit zu ebenso vielen falschen, wie richtigen positiven Testergebnissen, folge die Autoren. 

Eine sichere Aussage für Patienten , ob sie die Erkrankung durchgemacht haben und vielleicht sogar immun sind, sei daher unmöglich.

Die Bilanz wird besser, wenn statt 1,3 % bereits 10 % die Infektion durchgemacht hätten.

Es gäbe zwar weiterhin falsch positive Ergebnisse, doch dann sind immerhin 88% der Personen, bei denen der Test die Infektion anzeigt, als tatsächlich Infizierte richtig zugeordnet. Die Quote der Falsch-Positiven läge nur noch bei 12 %.

Testergebnisse dieser Art fallen unterschiedlich gut aus, abhängig davon, ob ein nicht ausgewähltes, oder ein ausgewähltes Patientenkollektiv untersucht wird.

Im Falle von Sars-CoV-2 heißt das, dass der Test zuverlässiger ist, wenn nur jene untersucht werden, die schon Symptome hatten und daher der Anteil Infizierter mutmaßlich größer ist. 

 

Ein Beispiel:

Ein Vater (47 J.) sowie seine Tochter (10 J.) erkrankten Mitte März an Covid 19.

Die (frische) Infektion wurde mithilfe eines PCR-Tests bestätigt. Die 2 Söhne (3 J. und 7 J.) sowie die Mutter (39 J) erkrankten nicht und der PCR-Test während der häuslichen Quarantäne der

5-köpfigen Familie zeigte für die Nicht-Erkrankten ein negatives Ergebnis, schloss also eine frische Infektion mit Sars-CoV-2 aus. 

Ein aktueller Antikörpertest auf Sars-CoV-2 ergab nun ein deutlich positives Ergebnis für Vater und Tochter, was zu 100 % mit den PCR-Ergebnissen übereinstimmt. 

Die Mutter und die 2 Söhne haben in diesem Test keine Antikörper, was sich ebenfalls zu 100 % mit dem PCR-Testergebnis deckt. 

Somit sind offensichtlich die Mutter und die 2 Söhne nicht angesteckt worden.

2 weitere enge Bezugs- und Kontaktpersonen, Großmutter und beste Freundin der Tochter weisen ebenfalls keine Antikörper auf.

 

Dies deckt sich mit neuesten Erkenntnissen, dass die Ansteckungsquote in der Kernfamilie nur etwa 44 % beträgt.

Neueste Studien weisen ausserdem darauf hin, dass auch eine spätere Ansteckung keine schweren Folgen für die 3 Gesundgebliebenen haben dürfte (sofern sie keiner Risikogruppe angehören).

 

Bevor also der Run auf Antikörpertests einsetzt, sollten sich alle Beteiligten klar sein, was diese können- und was nicht.

Die Gefahr ist erheblich, dass durch falsch positive Ergebnisse Schaden verursacht wird, weil Arzt oder Patient die falschen Schlüsse ziehen.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung)

 

In diesem Sinne: Bleibt gesund, keep calm and keep staying at home!